Virtual Pitching.

Unsere Kundenbeziehungen leben von persönlichen Beziehungen. Ist es möglich, ein Projekt vorzuschlagen, wenn man sich nicht sieht? Wie funktioniert es technisch und was funktioniert nicht? Wir haben die ersten Erfahrungen gemacht.

The show must go on!

Es kam fieser als gedacht...

Das war anfangs aber gar nicht so abzusehen. Denn als die Pitch-Aufgabe bei unseren KollegInnen im New Business ins Haus geflattert ist, haben wir uns - wie immer - erstmal in Ruhe Gedanken gemacht, mit welchen KollegInnen wir uns an die Herausforderung heranwagen. Auch die darauf folgenden drei Tage “in einem Raum einschließen” waren total unspektakulär, wir haben zu normalen Arbeitszeiten ordentlich Ergebnisse erzielt. Wir waren dank Flipcharts, Postit-beklebten Wänden und einem “Hey, haste mal kurz?” immer gemeinsam auf dem aktuellsten Stand und konnten produktiv arbeiten.

Also eigentlich nichts Außerordentliches - bis dann freitags die Info von der Geschäftsleitung kam, dass wir ab Montag alle im Home Office bleiben müssen. Das war halb absehbar, kam aber trotzdem ungeplant. Immerhin blieb der Freitagnachmittag, um sich all jenes Equipment mit nach Hause zu nehmen, das man voraussichtlich brauchen wird.

Ab da waren wir dann von heute auf morgen in einem sehr chaotischen Modus unterwegs: Kollaborative Kreativprozesse zwischen AnalystInnen, KonzepterInnen und DesignerInnen über Hangout, Hochkonzentrierte Diskussionen (oder eher versuchte) mit Kind auf dem Schoß oder Parallel-Calls des Partners im Hintergrund. Das war die ersten Tage ungewohnt und (deswegen?) irgendwie auch lustig, da man sich gegenseitig in ganz neuen, privaten Kontexten gesehen und erlebt hat. Aber das wurde mit dem drohenden Näherkommen des Pitch-Termins dann doch immer zäher und mühseliger. Eben weil wahrscheinlich doch jeder die Doppelanstrengung des “zuhause arbeitens” unterschätzt hat. Plötzlich ist man eben nicht mehr abgekapselt im Büro und geht mittags kurz was essen, sondern hat parallel Verpflichtungen der Familie gegenüber. Und wir wussten ja noch nicht mal, ob der Pitch überhaupt stattfinden würde. Dazu konnte uns die Ansprechpartnerin beim Kunden leider nicht so schnell eine Info geben. Deren Führungskräfte ließen sich leider viel Zeit mit einer Entscheidung… 

Max mit Wortmarke im Hintergrund

Also arbeiteten wir weiter auf unsere Deadline hin. Was sich als die richtige Entscheidung erwies: 3 Tage vor Präsentationstermin kam die Bestätigung über einen Remote-Pitch - inkl. 9 TeilnehmerInnen auf der Kundenseite. Wenn also normalerweise “nur” nochmal das Lektorat und die Design-PerfektionistInnen den Präsentationsfolien den letzten Schliff geben, mussten wir die komplette Präsentation nochmals hinsichtlich Desktop-Share-Lesbarkeit, Lesepräsentation/Vortragspräsentations-Hybrid, Präsentator-Übergabepunkten und Bandbreiten-Einsparpotenzial optimieren. Und uns gleichzeitig Gedanken zum Remote-Ablauf machen: Wie läuft solch eine Präsentation möglichst professionell und nahbar ab? Dazu haben wir dann nochmal zusätzlich Lebensläufe der Präsentatoren ausgedruckt und vorab postalisch an die Zuhörer geschickt. Wir haben Banner mit unseren eigenen Namics-Wortmarken gedruckt, die uns als Hintergrund dienten (und je nach KollegIn und Wohnsituation entweder die Gin-Bar, das Spielzeug des Nachwuchses oder die Küchenpaneele versteckt haben). Wir haben Jabra-Telefonkonferenzspinnen nach Hause bestellt und auch mal vorab mit einem Teil des kundenseitigen Publikums unser Videokonferenz-Tool getestet. Oftmals scheitert es ja dann an Kleinigkeiten wie “die Konferenz ist voll und nimmt keine weiteren Teilnehmer auf” oder “wir kommen nicht rein, da unsere Firewall euer Tool blockt”.

Max im Home Office vor drei Bildschirmen in der KĂĽche

Und so kam dann schließlich der Pitchmorgen am Dienstag. Vorbereitet waren wir gut - und während der Präsentation hat sich dann auch keine der Vorbereitungsmaßnahmen als “over the top” erwiesen, sondern genau richtig. Nur das Setting war komplett neu: statt der obligatorischen gemeinsamen Anreise zum Kunden, der Anmeldung bei der Pforte, der Formalie “Hände schütteln und vorstellen”, der Stoffhose mit Hemd, saß ich um 9:30 Uhr in meiner Küche mit Jogginghose und Hemd, mit Banner im Rücken, mit iPad als “Zweitmonitor” für meine Foliennotizen. Als ich dann mit der Präsentation meines Kapitels dran war, war auch das ungewohnt: Ich war es gewohnt, beim pitchen von freundlichen über aufmerksamen bis hin zu kritischen Gesichter zu schauen. Dieses Mal habe ich “ins Leere” präsentiert. Wie hatten alle gebeten, die Kamera auszuschalten, wenn nicht gesprochen wird - um die Verbindungsqualität zu gewährleisten. Stellenweise dachte ich während des Sprechens “woher weiß ich eigentlich, ob mir überhaupt jemand zuhört? Oder nicht doch die Verbindung weg ist? Wie würden mich die KollegInnen in diesem Notfall erreichen? Ich kann ja nicht während der Präsentation unseren Hangout-Chat aufmachen?” Da aber das Handy auf dem Tisch schwarz blieb, habe ich in Ruhe weiter in das schwarze Loch hineinpräsentiert - bis dann schließlich doch etwas passiert ist, das man in einer normalen Pitchsituation wegen des Zeitmanagements und auch ein bisschen wegen des Gefahrlaufens, mit einer Wissenslücke ertappt zu werden, eigentlich tunlichst scheut: eine Rückfrage. Und noch eine Anschlussfrage. Plötzlich hatte es dann doch etwas von Konferenz und Dialog als nur einem Monolog. 

Und am Ende der zwei Stunden war dann doch wieder ein altbekanntes Gefühl da: die Post-Pitch-Leere. Zwei Wochen lang sind so viel Herzblut und Zeit in diese eine Präsentation gesteckt worden - und so plötzlich ist es dann doch wieder vorbei und man hat wieder Zeit für die Dinge, die liegen geblieben sind… wenn da nicht am nächsten Tag das Hangout “Ping” machen würde. Und wieder alles von vorne beginnt.