Remote F√ľhrung und Standort-Entwicklung in Zeiten von Corona.

Vor 17 Wochen hat sich Namics in Home Office Quarant√§ne begeben. Ein weiterer Recap √ľber eine Remote Standortf√ľhrung.

Namics@Home: Philipp arbeitet während der Home Office Quarantäne in der Schweiz. Wäre nichts Besonderes, wenn er nicht Managing Director von Namics Belgrad wäre.

Montag, den 13.06.2020

Bevor die Kinder aufstehen, checke ich normalerweise E-Mails und Nachrichten in unserem Namics Intranet¬†Inside. Dort werden alle internen Nachrichten ver√∂ffentlicht und diskutiert. Mich pers√∂nlich interessiert am meisten, was in unserer Sales Pipeline vor sich geht. Es ist gut zu wissen, welche Projekte irgendwann in naher Zukunft starten k√∂nnten. Heute gew√§hrt mir mein j√ľngerer Sohn etwa 10 Minuten davon, bevor er ebenfalls aufwacht. Es ist 6.15 Uhr, und ich habe meine erste Pause des Tages.

Jetzt, um 8:00 Uhr, ist die ganze Familie auf den Beinen. Alle sind angezogen und geduscht, und ich gehe nach unten in mein derzeitiges Arbeitszimmer. Es ist ein leerer Raum mit leeren Regalen und einem großen Tisch. Hier verbringe ich die meisten meiner Arbeitstage.

Der Grund, warum der Arbeitsraum v√∂llig leer ist, ist eine ziemlich lange Geschichte. Letzten November sind wir als Familie von St. Gallen nach Belgrad gezogen. Ich habe die Rolle des Gesch√§ftsf√ľhrers von Namics Belgrad √ľbernommen. Spulen wir mal bis M√§rz vor (auch wenn diese ersten vier Monate in Belgrad f√ľr einen separaten Blog-Beitrag ausreichen w√ľrden):¬†Aufgrund der Corona-Pandemie k√ľndigte die serbische Regierung den Ausnahmezustand an¬†und damit auch, die serbischen Grenzen zu schliessen. Folglich mehrere Wochenenden mit Kindern mitten in einer riesigen Stadt zu Hause eingesperrt sein ‚Äď nicht wirklich die attraktivste Option. Wir beschlossen, in die Schweiz zur√ľckzukehren, und weniger als 24 Stunden sp√§ter sa√üen wir somit im Flugzeug nach Z√ľrich. Unsere ersten vier¬†Wochen verbrachten wir bei meinen Schwiegereltern. Den zweiten Monat verbrachten wir in einer 2-Zimmer-Ferienwohnung in den Schweizer Bergen. Nett, aber ziemlich klein, mit zwei Kindern und einem Papa, der von zu Hause aus arbeiten muss. Dann haben wir endlich die Wohnung gefunden, in der wir jetzt wohnen. Die meisten Zimmer sind irgendwie m√∂bliert. Wir haben zumindest ein Bett zum Schlafen. Wir haben ein Sofa, einen Tisch, St√ľhle. Und ich habe ein Zimmer mit einem Tisch, wo ich jetzt sitze.

Home Office desk of Philipp

Im together@-Meeting (unserem monatlichem Town-Hall-Meeting) erhalten wir die neuesten Informationen zu Performance-Zahlen und aktuellen Projektstati von unserem CEO Bernd. 

Dann beginnt mein Videoanruf-Marathon. Einen gro√üen Teil meiner Arbeitstage verbringe ich damit, mit Menschen zu sprechen. Da ich in der Schweiz und nicht in Belgrad bin und die meisten unserer Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, f√ľhre ich diese Gespr√§che √ľber Google Meet.

In unserem w√∂chentlichen Quartalstreffen in Belgrad gebe ich die wichtigsten Informationen an alle unsere knapp 50 Mitarbeiter weiter. Heute spreche ich √ľber die aktuelle "B√ľro"-Situation und unsere offenen Job-Stellen in der Hoffnung, dass wir noch mehr Bewerbungen erhalten.

Dienstag, den 14.06.2020

Jeden Dienstag um 9.15 Uhr haben wir unsere –Ď–Ķ–ĺ–≥—Ä–į–ī –ļ–į—Ą–į (Beograd Kafa). Dabei handelt es sich um ein informelles Kaffeegespr√§ch f√ľr alle Belgrader Mitarbeiter, bei dem wir¬†dar√ľber plaudern, was so vor sich geht und wie das Wochenende war. Heute sprechen wir √ľber das Fernsehen, Fussball und die serbische B√ľrokratie. All diese informellen Gespr√§che helfen mir enorm, die Situation zu verstehen, in der unsere Mitarbeiter leben und arbeiten. Seit Mitte M√§rz arbeiten fast alle unsere Mitarbeiter von zu Hause aus. F√ľr mich ist es wichtig, die Distanz zwischen mir hier in der Schweiz und unseren Mitarbeitern, die von zu Hause aus in Serbien arbeiten, so gut wie m√∂glich zu verringern. Das ist nur mit viel Zeit im direkten Gespr√§ch mit den Menschen zu bew√§ltigen.

Unsere Mitarbeitenden in Belgrad haben in den letzten vier Monaten wirklich hervorragende Arbeit geleistet. Sie haben ihre Motivation und ihre positive Einstellung behalten, ungeachtet der Umstände, auch wenn die meisten von ihnen keine ihrer Kollegen persönlich gesehen haben. Ich bin wirklich stolz darauf, dass die Leistung und der Teamgeist seitdem nicht nachgelassen haben.

Am Nachmittag, gleich nach meinem Treffen mit dem Belgrader HR-Team, steht pl√∂tzlich mein 3-j√§hriger Sohn neben mir. Er will sich auf meinen Stuhl setzen und nimmt meine Kopfh√∂rer. "Wen rufst du an?", frage ich. Und seine Antwort kommt schnell und klar: "Ivana!" ‚Äď Seine beste¬†Freundin im Belgrader B√ľro. Nat√ľrlich haben wir Ivana direkt angerufen. Sie war angenehm √ľberrascht, meinen Sohn anstelle von mir am anderen Ende des Videoanrufs zu sehen. Wir hatten ein kurzes Gespr√§ch miteinander, und das war die ideale Gelegenheit, den Tag zu beenden.

Philipp's kids

Mittwoch, den 15.06.2020

Heute ist ein besonderer Tag. Ich verlasse tats√§chlich das Haus und arbeite vom echten B√ľro in St. Gallen aus. Ich muss regelm√§ssig einige Dokumente wie Vertr√§ge oder Anh√§nge unterschreiben, und ohne Drucker ist die einzige M√∂glichkeit, dies im B√ľro zu tun. Also schnappe ich mir meine Gesichtsmaske und nehme den Zug nach St. Gallen. Im B√ľro zu sein, ist eine grosse Abwechslung zum Arbeitsalltag von zu Hause aus. Ich habe mich daran gew√∂hnt, im Home-Office zu arbeiten, aber das Gespr√§ch mit Kollegen aus dem wirklichen Leben ist eine sehr angenehme Abwechslung.

Eines der Hauptthemen, auf die ich mich heute konzentriere, ist die B√ľrosituation in Belgrad. In den letzten zwei Wochen gab es in der Nachbarschaft unseres B√ľrogeb√§udes einige gro√üe Proteste. Viele Menschen in Belgrad und in ganz Serbien protestierten gegen die Regierung und ihren Umgang mit der Corona-Krise. Dies f√ľhrte zu gewaltt√§tigen Angriffen der Polizei und einigen K√§mpfen zwischen der Polizei und den Protestierenden. Unser B√ľrogeb√§ude liegt sehr zentral, nur etwa 300 Meter vom Parlamentsgeb√§ude entfernt, wo die Proteste los gingen.

Da sich die Proteste in den letzten Tagen beruhigt haben, haben wir beschlossen, das B√ľro wieder f√ľr diejenigen zu √∂ffnen, die in der gegenw√§rtigen Situation ins B√ľro kommen k√∂nnen und wollen.

Donnerstag, den 16.06.2020

Unser Plan in Belgrad ist es, die Zahl der Beschäftigten in den kommenden 12 Monaten zu erhöhen. Das bedeutet, dass die Rekrutierung neuer Mitarbeiter im Moment ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist. Wir wollen qualifizierte Mitarbeiter finden, die zu unserer Kultur und unserer offenen Kommunikation und Zusammenarbeit passen. Zusammen mit unserer Recruiting Managerin gehe ich die Kandidatenpipeline durch und bespreche die Priorität unserer offenen Stellen.

Remote Recruiting ist eine besondere Sache: Wir haben bereits eine Person eingestellt, die wir noch nie physisch getroffen haben. Alle Vorstellungsgespräche in unserem Einstellungsverfahren fanden remote statt. Es erfordert viel Vertrauen von beiden Seiten sich auf einen Vertrag zu einigen, wenn man sich zuvor nicht persönlich kennengelernt hat. Und deshalb sind wir sehr froh, dass Milovan sich entschieden hat, sich uns anzuschließen, und dass er seit Mai ein Teil von Namics ist.

Es ist Mittag und ich höre meinen älteren Sohn rufen: "Paaaapaaa, das Mittagessen ist fertig". Tolles Timing.

Eines der Dinge, die ich am Home Office genieße, ist die Nähe zu meiner Familie. Ich muss nicht täglich pendeln und kann daher viel mehr Zeit mit ihnen verbringen. Ich kann mitten am Vormittag eine Kaffeepause machen und 15 Minuten lang mit den Kindern spielen. Und wir können zusammen zu Mittag essen.

Am Nachmittag liegt der Schwerpunkt (wieder) auf Recruiting. Wir wollen mehr externe Veranstaltungen durchf√ľhren, um eine h√∂here Reichweite zu generieren. Wir diskutieren √ľber Webinare (ich wei√ü, alle machen sie im Moment), √ľber Diskussionsrunden, √ľber die geplanten Jobmessen und √ľber unseren Hackathon f√ľr Frauen, den wir einmal im Jahr veranstalten. Die¬†erste Veranstaltung, die wir in der zweiten Jahresh√§lfte planen und vorbereiten, ist ein "virtueller Tag der offenen T√ľr". Wir laden potenzielle Kandidaten ein, die bereits ein gewisses Interesse an¬†unserer Projektarbeit gezeigt haben.¬†Wir werden eine Pr√§sentation √ľber Namics und Namics Belgrad im Allgemeinen, kurze Einblicke in Technologien und Projekte und einen √úberblick √ľber unseren Einstellungsprozess zeigen. Ich freue mich darauf, viele interessante junge Leute kennenzulernen. Ihr werdet¬†bald schon mehr √ľber die Einzelheiten der Veranstaltung erfahren.

Freitag, den 17.06.2020

Mein erstes Treffen am Vormittag ist mit Bernd, unserem CEO. Teil meiner Rolle ist es, das Bindeglied zwischen den Standorten in der Schweiz und Deutschland und unserem B√ľro¬†in Serbien zu sein. Deshalb ist es entscheidend, sich regelm√§ssig √ľber das Geschehen auf Unternehmensebene auszutauschen und aus strategischer Sicht auf einer Linie zu sein.¬†

In meiner heutigen Mittagspause¬†gehe ich mit meiner Familie ins Schwimmbad, das zehn Minuten von der Wohnung entfernt ist. Welch ein Luxus, in der Mittagspause mit meinen Kindern schwimmen zu gehen. Leider ist es nicht ganz so einfach,¬†danach zur Arbeit zur√ľckzukehren. Nach dem Mittagessen erwarten mich weitere Gespr√§che mit den Kollegen in Belgrad. Ich w√ľrde es vorziehen, all diese Treffen von Angesicht zu Angesicht direkt im Belgrader B√ľro abzuhalten, aber das ist¬†im Moment nun mal nicht m√∂glich. Trotzdem funktioniert das Arbeiten von der Schweiz aus besser, als ich erwartet habe.

Die grössere Herausforderung ist momentan unsere private Situation als Familie. Seit vier Monaten leben meine Frau, unsere beiden Jungs und ich in einer provisorischen Einrichtung irgendwo in der Ostschweiz. Wir vermissen unsere Wohnung, die Kinder vermissen ihre Spielsachen und den Eisladen um die Ecke, wir vermissen Fahrradtouren entlang der Donau... mit dieser Liste könnte ich noch eine Weile fortfahren. 

Und auf der anderen Seite haben wir in der Schweiz auch viel Freude an vielen Dingen. Die Kinder sehen ihre Grosseltern sehr oft, wir verbringen viel Zeit draussen in der sch√∂nen Natur, wir sind in Kontakt mit Familie und Freunden und die Corona-Situation¬†ist mehr oder weniger stabil und scheint bei der Schweizer Regierung in guten H√§nden zu sein. Wir m√ľssten all diese Vorteile aufgeben, sobald wir wieder in Belgrad w√§ren.¬†Im Moment √§ndern wir fast t√§glich unseren Plan bez√ľglich unserer R√ľckkehr nach Belgrad. Es ist einfach nicht m√∂glich zu sagen, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Und wie wird unser Leben in Belgrad mit all den Einschr√§nkungen, die uns erwarten, aussehen? Wer kann das sagen? Wie viele andere Dinge in diesen Zeiten ist unsere R√ľckkehr nach Belgrad ungewiss und nicht wirklich planbar. Diese Unsicherheit ist der harte Teil unserer Zeit hier in der Schweiz.

Bis bald in Belgrad.

Familie