Das Quarantäne Tagebuch. Woche 1.

Seit einer Woche arbeiten wir nun schon fully remote, was ist passiert? Ein kleiner Recap von Highlights und Lessons learned.

Namics@Home: Thomas berichtet, wie er die erste Woche zu Hause erlebt hat.

Tag 0 - Freitag, der 13.03.2020

  • Freitag der 13. März, … ja genau, “the irony of it all…”. Namics hat die Lage natĂĽrlich schon länger mit Sorge beobachtet und einige Vorkehrungen getroffen. Aber am 13. März entscheiden wir uns zur einzig konsequenten Massnahme: Wir schicken alle 550 Mitarbeiter ins Home Office. #flattenthecurve #staythefuckhome
  • Was muss bei einer Full-Service-Agentur direkt folgen? Genau, erst mal alle Kunden informieren und die Vor-Ort Termine fĂĽr KW 12 und alle folgenden Wochen absagen und um Remote-Termine bitten, Reisen und Hotelzimmer stornieren und ĂĽberlegen was es alles fĂĽr ein gutes Home Office braucht. Die Kunden reagieren unterschiedlich: Wenige wundern sich ĂĽber die strengen Massnahmen, die meisten machen es aber ähnlich wie wir.
  • Home Office ist bei uns nichts Neues oder Besonderes. In unserem Business kann man da nahezu 100% arbeits- und leistungsfähig bleiben. Fast alle Namicler machen es und können es. Einige Kollegen erfahren die Nachricht zur Home-Office-Verordnung ironischerweise im Home Office selbst. Wir laufen auf einer Google Infrastruktur, haben auch alle Google Enterprise Lösungen im Einsatz von Meet, Hangout, Drive, bis zum Data Studios oder der Google HR-Lösung Hire. Dazu kommen unsere Atlassian-Tools fĂĽr Collaboration und wahlweise Microsoft´s Teams von Merkle oder individuelle Tools wie Skype, Miro und Co. Die Grundstimmung am Freitag ist unter dem Aspekt recht entspannt. Was sein muss, muss jetzt nun mal sein.
  • Fragen gibt es dennoch viele: Wie lange dauert das nun? Darf ich meinen grossen Monitor mit nach Hause nehmen? Wer kĂĽmmert sich um unsere Pflanzen? Wir bleiben erstmal pragmatisch und machen kurzerhand eine Liste im Intranet, in die jeder das einträgt, was er von Namics mit nach Hause nimmt. Wie stellen die Pflanzen zusammen, drehen die Heizung zu, und machen die ĂĽblichen Witze mit den Kollegen.
  • Doch einige Gedanke bleiben: Muss das wirklich sein? Wie hart wird uns das wirtschaftlich treffen? Was kann ich noch tun? Letztlich sind wir keine Ausnahme. Wir sind ein Haufen aus wenigen Leuten, die “die Gefahr (noch) nicht erkannt haben” bestehend aus einigen Pessimisten und vielen Optimisten. Wir gehen trotzdem mit gemischten GefĂĽhlen ins Wochenende.

Tag 1 - Montag, der 16.03.2020

  • Einmal pro Monat findet das together@Namics statt, unser Townhall Meeting quasi. Normalerweise kommen vorher alle an ihren Standorten zusammen und frĂĽhstĂĽcken gemeinsam. Unser CEO Bernd gibt dann per Videocall ein Update zum wirtschaftlichen Erfolg und Einblicke in einige laufende Highlight-Projekte. Dieses together@ heute ist aber anders. Es gibt nur ein Thema, gefrĂĽhstĂĽckt hat jeder zu Hause - allein, mit dem Partner oder der Familie.
  • Die ersten Telkos und Gruppentermine starten. Die Stimmung ist optimistisch. Die ersten Tipps und Tricks fĂĽr noch besseres Homeoffice werden per Chat herumgeschickt. 

Ausschnitt aus Chat-Unterhaltung zu Home Office Challenge
Frankfurter Kollegen bewerten fachmännisch ein Homeoffice Setup
  • Ok zugegeben, es eskaliert gleich ein wenig. Im Frankfurter und im MĂĽnchner Standorts-Chat sind erste #HomeofficeChallenges ausgebrochen. Wir kĂĽren “best balcony office”, “best office with cats” und “best homeoffice IT Setup”. 
  • Wir arbeiten den Notfallplan weiter aus. Wer muss ins BĂĽro um z.B. unsere Rechnungen zu bezahlen, was machen wir im Recruiting, bis wohin hält unser VPN?
  • Um 17 Uhr mache ich meinen Rechner zu. Und um 17:01 Uhr spiele ich Lego mit meinem Sohn. Normal hab ich eine Stunde Zugfahrt fĂĽr Vorbereitung und Vorfreude darauf. 1:0 fĂĽr Home Office. 

Tag 2 - Dienstag, der 17.03.2020

  • Wir gehen Tag 2 an. Wir haben im Platform-Leads-Team ein kurzes Daily auf 8:30 Uhr gesetzt - besser in den Zeiten kĂĽrzer und häufiger abstimmen als immer eine Woche warten.
  • Ich verstehe: FĂĽr manche Kollegen ist es noch lustig, wird aber auf Dauer nicht einfach. In einer 2-Zimmer-Wohnung in ZĂĽrich oder Hamburg mit IT-Setup am Esstisch, der Partner womöglich in derselben Situation wird die eigentliche Belastungsprobe fĂĽr Unternehmen im Homeoffice nicht Hangouts oder Skype.
  • Wir trinken den ersten “Virtual Coffee”. Ok, in St. Gallen aus der grossen Siebträgermaschine auf der Dachterasse wäre es bei dem Wetter eine andere Liga - aber hey! wann kann man mal bei allen ins Wohnzimmer schauen und sich Einrichtungstipps holen. 
  • Wir arbeiten. Ich habe z.B. noch eine Produktdemo vom Softwarepartner Salesforce und einen Planungstermin, dann kontrolliere ich Stundenbuchungen, das alles geht gut remote, eigentlich ist es ganz egal, von wo ich das tue. 
  • Um 17:30 Uhr trinken wir ein virtuelles Feierabendbier. Also das Bier sind echt und flĂĽssig aber die Gesellschaft leider virtuell. Ein Kollege ist mit seinem Sohn im Wald spazieren, der andere Kollege hängt auf der Couch. Wir haben eine lustige halbe Stunde mit viel Galgenhumor.
Wir haben Spass im “Virtual Coffee break”.
Wir haben Spass im “Virtual Coffee break”

Tag 3 - Mittwoch, der 18.03.2020

  • Was mir nun klar ist: Die nötige rollierenden Planung gibt noch eine grosse Herausforderung. Welche unserer Kunden stoppen Projekte? Welche werden es mittel- oder langfristig wahrscheinlich in welcher Form tun mĂĽssen? Wir haben aktuell ca. 120 Kunden, von der Bank ĂĽber Lebensmitteleinzelhändler zum B2B Industrieunternehmen bis hin zum Touristikkonzern ist alles dabei. Normalerweise machen wir eine Jahresplanung und adaptierten dann quartalsweise. Wer hatte nochmal gesagt Controlling sei langweiliges Beiwerk?
  • Daily. FĂĽnf Männer. Wir bemerken, dass sich diese Woche noch niemand rasiert hat. Einer meint: “Vielleicht sollten wir das morgen alle tun und uns auch Krawatten anziehen, damit es sich mehr wie Arbeit anfĂĽhlt?” Antwort: “Du hast doch in den letzten 10 Jahren keine Krawatte mehr getragen.” Wir bleiben bei den T-Shirts. 
  • Es machen in den Chats GerĂĽchte die Runde, die MĂĽnchner Kollegen und Kolleginnen hätten eine virtuelle Yoga Session abgehalten. Ich frage mich warum keine Zuschauer eingeladen waren?
  • Ein Kollege schreibt mir, dass er nun zum Zivilschutz eingezogen wurde. Ich muss gestehen, daran hatte ich ĂĽberhaupt nicht gedacht. Aber klar, das ist so und wird es noch häufiger geben - unser Durchschnittsalter ist knapp Mitte 30. Hau rein Poldi und #staysafe.
  • 17:30 Uhr gehe ich mit der Tochter in den Garten um zu Schaukeln. Das bekomm ich normal nie zu der Uhrzeit hin. Dazu März und knapp 20 Grad. Meine Frau ist drinnen und macht noch E-Mails. Mit den Nachbarn haben wir eine “nur gucken - nicht anfassen” Vereinbarung. Alter, ist das alles surreal gerade.
Screenshot von Thomas im Auto während Hangout-Call
Daily im Auto, mit Google Meet ĂĽber 4G, Handy mit Halterung an Windschutzscheibe.

Tag 4 - Donnerstag, der 19.03.2020

  • Heute haben wir gepitched. In 25 Jahren Firmengeschichte zum ersten Mal “fully remote”. Dabei waren vier Kollegen von Namics und dem Dentsu-Netzwerk im Namics-Office in ZĂĽrich auf 2 Meetingräume verteilt. Der potenzielle Kunde war sogar auf 22 Locations verstreut. Wir wollten erst MS Teams nutzen, schwenkten dann aber auf unser Google Meet um. Das Spiel dauert 90 Minuten. Die Kollegen sagten hinterher: "Es war seltsam. Die Resonanz des Publikums fehlte, die kritischen Fragen wirken unkritisch ohne Mimik, die Begeisterung fĂĽr gutes Pitchdesign und Proposal konnte man schwerer wahrnehmen." Das Team lieferte aber sauber ab. Wir bekommen super Feedback und drĂĽcken die Daumen. Sowas nennt man glaube ich einen Meilenstein der Firmengeschichte. 
  • Im Intranet gibt es seit heute eine Seite mit “Best-Practices fĂĽr Remote Pitches”. 
  • Es ist “Monthly Leadership Call” mit den Merkle Kollegen in UK. Der IT Leiter aus UK zeigt die Peaks der Zugriffe auf das Firmennetzwerk. Das VPN kann 500 Kollegen parallel versorgen, danach wĂĽrde man mehr zukaufen. Michael, der Merkle EMEA CEO sagt, dass sich Homeoffice mit zwei ungeduldigen Kids fĂĽr ihn nicht wie Urlaub anfĂĽhlt. Irgendwie gut zu wissen, dass es allen so geht.
Markus präsentiert remote die Pitch Folien alleine in einem Besprechungsraum.
Kollege Markus am “Remote Pitchen” in Zürich

Ausschnitt aus einem Chat-Gespräch über die gespülten WCs im Office.
Auch ein leeres Office will gewartet werden
  • Ich fahre kurz mit dem Auto ins Office fĂĽr zwei Unterschriften. Ein Kollege hat sie gestern vorbereitet und hingelegt. Alleine im Office - fĂĽhlt sich sofort an wie bei The Walking Dead. Ich ĂĽberlege kurz, ob ich den Snackautomaten plĂĽndern soll, entschliesse mich dann aber stattdessen die Pflanzen zu giessen und vorsichtshalber mal alle KlospĂĽlungen zu drĂĽcken. Ich erhalte dafĂĽr Applaus im Chat.
  • Nach einem Termin zu Randzeiten wird es heute etwas später. Da man nun eh seinen Urlaub nehmen soll, reiche ich spontan fĂĽr nächsten Dienstag 1 Tag Verschnaufpause vom Home Office ein. 

Tag 5 - Freitag, der 20.03.2020

  • #TGIF, Freunde der Sonne! Diese Woche (fast) nur im Homeoffice. Das war viel intensiver als gedacht. Auch heute stehen nochmal 8 Termine im Kalender. Teils liegt das am Job, aber teils an der Situation. Ich scrolle im Kalender zurĂĽck und schaue mir andere Freitage an und fĂĽhle mich bestätigt. Aber es ist auch logisch: FĂĽr jedes kurze “Hast du mal ne viertel Stunde”, das man sonst ĂĽber die Tischinsel ruft, setzt man nun einen Termin auf.
  • Remote Work funktioniert bisher, wie erwartet, bei uns super. Bei einigen Kunden leider noch etwas suboptimal.
  • Wir planen ein Webinar zum Thema “Remote Work/ Remote Teams”. Das bieten wir kostenlos allen Kunden und Interessierten an. Es kann nur in aller Interesse sein, das Thema jetzt noch besser hinzubekommen. 
  • Der rational pessimistische Ingenieur in mir sagt, dass es nächste Woche schlimmer wird - fĂĽr alle und alles. Ein Kollege erzählt mir vom Gespräch mit einem Freund, der wiederum in der Lombardei wohnt. Das zieht einen runter, macht einem aber auch die Augen auf, warum wir das hier alle tun und macht einem zudem bewusst, wie egal dann doch die VPN-Verbindungen oder Video-Call-Marathons sind. 
  • #heureka. Ăśber 40h in meinen 12 qm verbracht. Ich glaube, nächste Woche muss ein anderer Kollege ĂĽbernehmen, sonst ziehe ich Euch zu arg runter. Und ausserdem hab ich ja am Dienstag frei und bleib mal einen Tag zu Hause :-)